OFAC: Indische Adani Enterprises Limited zahlt 275 Mio. USD Strafe

Mit Enforcement Release vom 18. Mai 2026 hat das Office of Foreign Assets Control (OFAC) gegen Adani Enterprises Limited (AEL) eine Strafe in Höhe von 275 Mio. USD. wegen 32 Verstößen gegen die Iran-Sanktionen verhängt. AEL ist ein diversifizierter indischer Mischkonzern, der unter anderem in den Bereichen Mining, Energie, Infrastruktur, Logistik und Hafenbetrieb tätig ist. Mit dem Betrieb des Mundra Port in Gujarat unterhält AEL über seine Tochtergesellschaft Adani Ports and Special Economic Zone Ltd. (APSEZ) eine der bedeutendsten Hafeninfrastrukturen Indiens.

Sachverhalt

Im Juni 2023 trat AEL erstmals in den Markt für Flüssiggas (LPG) ein und begann, LPG zu importieren und an Kunden in Indien zu verkaufen. Da AEL als Neueinsteiger günstige Bezugsquellen benötigte, trat das Unternehmen im Juli 2023 in Verhandlungen mit einem in Dubai ansässigen Handelsunternehmen (dem „Dubai Supplier“), das angeblich LPG omanischer und irakischer Herkunft lieferte. Ab November 2023 bezog AEL in der Folge 35 Ladungen LPG von diesem Lieferanten bzw. dessen verbundenen Unternehmen. Tatsächlich stammte das LPG aus Iran. Das Settlement dokumentiert eine Vielzahl von Red Flags, die AEL hätten veranlassen müssen, die tatsächliche Herkunft der Ladungen zu hinterfragen: Dritte warnten AEL auf mindestens vier Gelegenheiten, dass die gelieferten Ladungen iranischen Ursprungs sein könnten; die Transportschiffe manipulierten ihr AIS-Signal, tätigten wirtschaftlich nicht nachvollziehbare Routenbewegungen und wechselten häufig Namen, Eigentümer und Flaggenstaat; Lieferdokumente wiesen Merkmale einer Fälschung auf; die Ladeorte in den Ursprungsdokumenten waren sachlich unplausibel (so existierten etwa im Hafen von Sohar, Oman, zum relevanten Zeitpunkt keine Anlagen für vollständig gekühltes LPG); und die Preise des Dubai Supplier lagen deutlich unter dem Marktpreis, was bei LPG-Importen aus dem Mittleren Osten allein mit iranischem Ursprung erklärbar gewesen wäre. AEL beschränkte seine Prüfungen auf die Kontrolle von Versanddokumenten und SDN-Listen-Abgleiche und unternahm keine weitergehenden Ermittlungen. Im Juni 2025 wurden die Vorwürfe öffentlich bekannt; AEL stellte daraufhin sämtliche LPG-Importe sofort ein und leitete eine umfassende interne Untersuchung ein.

US-Nexus

AEL ist ein indisches Unternehmen ohne US-Sitz und keine US-Person im Sinne des US-Sanktionsrechts. Die Transaktionen unterlagen US-Sanktionsrecht, weil AEL für 32 der 35 Lieferungen USD-denominierte Zahlungen über US-amerikanische Finanzinstitute in Höhe von insgesamt USD 192 Millionen abwickelte (mehr zum Risiko US-Dollar).

Höhe der Strafzahlung

OFAC qualifizierte die Verstöße als egregious und stellte fest, dass keine Selbstanzeige erfolgt war. Als gesetzliche Maximalsanktion ermittelte OFAC einen Betrag von 384 Mio. USD. Im Rahmen der General Factors Analysis setzte OFAC die Settlement-Summe auf 275 Mio. USD fest. Als erschwerende Faktoren wertete OFAC das rücksichtslose Handeln von AEL trotz zahlreicher erkennbarer Red Flags, den erheblichen Schaden für die Ziele des Iran-Sanktionsprogramms durch Stärkung der iranischen Energieeinnahmen sowie die Größe und wirtschaftliche Erfahrenheit von AEL als internationalem Konzern. Mildernd berücksichtigt wurden das Fehlen einschlägiger Vorstrafen in den vorangegangenen fünf Jahren, der geringe Anteil des LPG-Geschäfts am Gesamtumsatz von AEL (unter 1,5 % für 2025), die erhebliche Kooperation mit OFAC im Rahmen der Untersuchung sowie die nach Bekanntwerden der Verstöße ergriffenen Remedial Measures.

Konkrete Maßnahmen in der Exportcompliance (ICP)

AEL verpflichtete sich zu einer umfassenden Stärkung seines ICP, das konzernweit Anwendung findet. Dazu gehören die Einführung einer risikobasierten US-Sanctions Compliance Policy mit einem schriftlichen Due-Diligence-Protokoll unter Aufsicht eines eigens eingerichteten Group Head of Compliance sowie die einheitliche Anwendung dieser Policy über alle Geschäftsbereiche hinweg, um eine konsistente und vollständige Sanktionsprüfung sicherzustellen. AEL integriert in seine Sanktionsrisikoprüfung künftig spezifische Risiken im Zusammenhang mit dem maritimen Transport von Kohlenwasserstoffen, insbesondere anhand der von OFAC veröffentlichten Guidance zur Erkennung von Sanktionsumgehung im Seehandel. Darüber hinaus implementiert AEL IT-basierte Maritime-Intelligence-Lösungen, die gezielt auf die Risiken im maritimen Bereich zugeschnitten sind.

Der Fall AEL ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Mit einer Settlement-Summe von USD 275 Millionen zählt er zu den größten OFAC-Einigungen außerhalb des Bankensektors überhaupt und markiert eine neue Dimension in der Durchsetzung von Iran-Sanktionen gegenüber Energieimporteuren. Für die Beratungspraxis sind vor allem zwei Aspekte zentral:

Erstens illustriert der Fall das Phänomen der Red-Flag-Blindheit in neu aufgebauten Geschäftsfeldern: AEL war ein Neueinsteiger im LPG-Markt, der unter Wettbewerbsdruck stand und in dieser Konstellation ungewöhnlich günstige Preise nicht kritisch hinterfragte. Genau dieses Muster — Kostendruck, fehlende Branchenerfahrung, übermäßiges Vertrauen auf Lieferantendokumentationen — ist ein klassisches Compliance-Risiko, das in der ICP-Beratung regelmäßig adressiert werden muss. OFAC stellt unmissverständlich klar, dass die bloße Überprüfung von SDN-Listen und Versanddokumenten bei Energie-Importen aus risikobehafteten Regionen nicht ausreicht.

Zweitens zeigt der Fall, welche extraterritoriale Reichweite USD-Zahlungsströme begründen: AEL hat weder einen Bezug zu den USA noch handelte es sich um US-Güter. Allein die Nutzung des US-Finanzsystems genügte, um US-Jurisdiktion zu begründen. Für deutsche und europäische Unternehmen, die im Energiebereich tätig sind und USD-denominierte Transaktionen abwickeln, ist dies eine eindringliche Erinnerung: Sanktionsrecht ist Zahlungsverkehrsrecht, und jeder USD-Transfer über eine US-Korrespondenzbank ist ein potenzieller Anknüpfungspunkt für OFAC-Maßnahmen.

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Prof. Dr. Darius O. Schindler MBA

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